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Generation Buzzword
Lena Doppel über die digitale Boheme

Zugegeben: ich bin schon ein bisschen zu alt. Holm Friebe und Sascha Lobo, die Autoren der neuen Bibel-du-jour der Computer-Bobos "Wir nennen es Arbeit" sind als Mittsiebziger ein paar Jahre jünger als ich. Ich bin angeblich Generation X, sie sind Generation Golf. Diese Spätgeborenen der Babyboomer haben schon eine ganze Menge an Labels über sich ergehen lassen müssen. Da wundert es wenig, dass sie es verstehen mit Etiketten zu spielen. Ganz kürzlich erst waren sie die bourgeoisen Bohemiens (Bobos) - jetzt haben sich zwei ihrer Protagonisten ihre eigene Generation ausgerufen: die diBos, die "digitale Boheme". Was tut denn nun so ein diBo den ganzen Tag? Die Antwort lautet schlicht: Arbeiten. Zumeist als Selbständiger im Bereich der so genannten Kreativwirtschaft, mit Bildbearbeitungsprogramm und Web-Editor, an der Game-Konsole, und im Personality-Blog, am Laptop mit W-LAN, im Kaffeehaus, daheim und auf der Autobahnraststätte, im Flugzeug und im Zug. Der diBo arbeitet - immer. Er arbeitet gegen Geld, aber ohne Fixanstellung. Wer zwingt ihn dazu? Keiner, es macht ihm/ihr angeblich sogar Spaß.

Whow! Cool! Der perfekte Protagonist des kapitalistischen Zeitalters: "Bezahlung? Nebensächlich! Soziale Sicherheit? Wie uncool! Hauptsache der Spaßfaktor stimmt!"

Haben die Hippies in den 1970ern noch den Spaß in der Musik, im Sex und in der Berauschung durch mehr oder weniger legale Drogen gesucht, und sich die Yuppies in den 1980er Jahren dem Rausch des dagobertschen Geldspeichers hingegeben, so sind die diBos deutlich bescheidener: "Sinn" lautet die neue Droge. Arbeit - so der Klappentext wird "in Glück verwandelt". Nicht ganz falsch, das mit der Verwandlung: Zumindest das mit dem Stroh zu Gold spinnen ist den beiden Autoren streckenweise ganz gut gelungen.Ist die Welt nun (ebenfalls Klappentext) "ein Google"? Mitnichten. Ein bisschen bescheidener als das Besprechungszitat am Klappentext kommt das eigentliche Buch dann doch daher. Streckenweise liest es sich wie eine klassische Studentenarbeit. Adrett, fleißig, umfassend, gut recherchiert, ordentlich zusammengefasst, aber wenig originell oder gar kontroversiell. Ein Jahresabo "de:bug" im praktischen Taschenbuchformat. Könnt ich’s besser? Wahrscheinlich nicht.

"Wir nennen es Arbeit" ist ein anschaulicher Streifzug durch die Kulturen und Szenen derer, die mit Computern und ihrer Kreativität (ein bissel oder manchmal auch viel) Geld verdienen. Früher nannte man sie Freiberufler, später dann Freelancer (um sie nicht mit Rechtsanwälten und Ärzten zu verwechseln) und jetzt eben diBos. Ihre Biografien sind zumeist unaufregend und enden nur dann tragisch wenn sie in (zu) jungen Jahren eine ernsthafte Krankheit erwischt. Dann fallen sie eventuell durchs soziale Netz, auch wenn sie vorher noch so viel Spaß am Arbeiten gehabt haben.

Holm Friebe und Sascha Lobo sind keine hauptamtlichen Werbe-Hinterfrager. Sie sind hauptamtliche Werbe-Macher. Buch, Blog und ihr Unternehmen, die "Zentrale Intelligenz Agentur", sind clevere Marketing-Tools in einer an Konkurrenz nicht gerade armen Welt. So haben es die beiden geschafft ein höchst umfassendes, streckenweise aber herzlich oberflächliches Live-Style-Buch perfekt zu vermarkten, was sie direkt in die Bussi-Bussi-Zirkeln diverser digital und media tribes geführt hat. Kapitelüberschriften wie "Blogrevolution", "Die Magie des Orts" (gemeint ist W-LAN) oder "Virtuelle Mikroökomie" übertiteln durchwegs zwei- bis dreiseitige Schnellschuss-Abhandlungen, voller Begriffserklärungen oder historische Abrisse. "Immunisierung durch Erwähnung" kritisiert ein Rezensent auf Amazon.de.

Wer ernsthaftere Auseinandersetzung sucht, sollte sich das ausführliche Literaturverzeichnis von "Wir nennen es Arbeit" durchsehen. Dort finden sich neben weiteren Buzz-Klassikern wie Naomi Kleins "No Logo" z. B. auch Joseph Heaths und Andrew Potters "Konsumrebellen", das recht anschaulich darstellt wie der "Ich-bins-und-du-bist-es nicht!"-Medienhype a la diBos funktioniert, oder auch Steven Johnsons amüsante Abhandlung über die höheren Weihen von Konsumkultur und Fernsehsucht "Everything Bad is Good for You". "Wir nennen es Arbeit" hätte eigentlich den Titel "100 Bücher über den New Media Hype, die sie gelesen haben sollten" verdient. Aber das wäre schlechtes Marketing.

Lena Doppel ist Geschäftsführerin der Unternehmensberatung IOT und Assistentin an der Universität für angewandte Kunst Wien, Institut für Design und dort zuständig für Computer und Web.

http://oe1.orf.at/highlights/70790.html

 

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